Gespräch mit Hans Röper ( † 31.1.2015)

 

Hans Röper, der letzte direkte Nachfahre der Familie Röper in Othmarschen, verlebte seinen Ruhestand gemeinsam mit seiner Frau Annelene in Hohenwestedt bei Neumünster. Er war ein überaus lebendiger Geschichtenerzähler und steckte voller Erinnerungen und Anekdoten über den Röperhof und sein geschichtliches Umfeld. Um diesen Erinnerungsschatz zu sichern, besuchten Friederike und Christoph Mühlhans ihn und seine Frau am 22. Juni 2009 und führten das folgende Gespräch.

  

Hans und Annelene Röper

Röper: Das Elbdorf Othmarschen gehörte, wie Altona, zur Vogtei Ottensen. Gemeinsam waren sie im 17. Jahrhundert an das Herzogtum Holstein gefallen und dann im frühen 18. Jahrhundert an den dänischen König, der in Personalunion König von Dänemark und Herzog von Holstein war. Die Staatsgrenze zur Freien und Hansestadt Hamburg verlief an der Großen Freiheit, wobei die Stadt so frei gar nicht war, denn sie war immer auch ein bisschen von Dänemark abhängig. Sie musste dem dänischen König, der dauernd Geld brauchte, immer viel bezahlen. Dieser hatte den holsteinischen Grafen ihren Besitz schon lange streitig gemacht. So hat er dem Herzog von Holstein-Gottorf den ganzen Besitz nördlich der Eider weggenommen, insbesondere auch Gottorf und Glücksburg. Und dann saß der arme holsteinische Wurm in Kiel, und fuhr 1716 oder 17 nach Petersburg, wo er sich in Anna Petrowna, die Tochter von Zar Peter verknallte und sie dann auch heiratete. Sie wurde Gräfin in Kiel, bekam eine Sohn, Karl Peter Ulrich, und starb im Kindbett. Ihr Sohn hatte, wie wir wissen, einen kleinen Schatten. Aber den Erblinien zufolge hatte er Anspruch auf den vakant werdenden schwedischen Königsthron. Er wurde dann aber von seiner Tante Elisabeth, der Zarin von Russland und Tochter von Peter dem Großen, zum Nachfolger berufen, denn der Zarewitsch Iwanowitsch war geistig noch schlimmer erkrankt. Also hat die Zarin Elisabeth ihren Neffen nach St. Petersburg berufen und ihm, auf Anraten von Friedrich dem Großen, eine Prinzessin von Anhalt-Zerbst besorgt, deren Großmutter auch aus Kiel stammte. Diese Prinzessin wurde dann Katharina II. 

Eheerlaubnis für Johann Röper und Anna Elisabeth Groth vom 28.11.1844

Nun brach der Siebenjährige Krieg aus, in dessen Verlauf die Zarin ihre Flotte nach Fehmarn schickte und einen Teil ihrer Truppen in Mecklenburg stationierte. Da sagten sich die Dänen, wir müssen unsere Reichsgrenzen verteidigen und schickten ihre Truppen an die Südgrenze. Und an dieser Südgrenze lag Othmarschen. Da hatten sich also dänische Truppen auch im vorigen alten Röperschen Hof einquartiert und qualmten. Die Othmarscher Familie Röper feierte mit den anderen Othmarschern „Kindergrün“, ein Schulfest im Frühling oder Sommer, eine Quelle spricht vom 23./24. Juli. Das Tragische war, dass die älteste Röpertochter gelähmt war und zu dem Kinderfest nicht mitgenommen wurde. Und genau an dem Tag, als die Othmarscher „Kindergrün“ feierten, zogen die dänischen Truppen ab und steckten, aus Versehen oder mit Absicht, den Röperschen Hof an. Er brannte ab und in dem brennenden Gebäude kam die neunjährige Margarethe um. Wie es das Schicksal wollte, lagen in Itzehoe noch dänische Truppen als Besatzungsmacht, als ich 1954 hier nach Nienjahn kam. Eines Tages kam zu uns ein Unteroffizier mit sechs Mann und fragte: „Kann ich hier übernachten?“ Ich darauf: „Nein, die Dänen haben uns schon mal einen Hof angesteckt.“ Heute könnte ich mich ja backpfeifen dafür, aber das steckte so drin, ich dachte, die Soldaten stecken uns die Häuser an. Na, das arme Kind verbrannte und nach kürzester Zeit war das Haus schon so weit wieder aufgebaut, dass man im September Richtfest feiern konnte, was heute unfassbar ist. Glück im Unglück war, dass die Familie Röper ihr Haus in der Pinneberger Brandgilde versichert hatte, die nach Hamburger Vorbild Ende des 17. Jahrhunderts gegründet worden war. Das Geld, 2400 Mark, hat der Bauer Röper erst im Oktober ausgezahlt bekommen. Das neue Haus wurde dann mit 3000 Mark versichert.

Da war das Haus also abgebrannt und in wenigen Monaten wieder aufgebaut. Irgendwann, ich glaube 1799, wurde dann der Zement erfunden und etwa hundert Jahre später kriegten die Röpers auch die große Betonwut und bauten das Quergebäude als Kuh- und Schweinestall mit Heuboden an. 

Auf der Elbinsel Krenzweide, zu Waltershof gehörig, besaßen Othmarscher Bauern Weideflächen. Das kann man auf dem Plan von 1791 erkennen. Wilhelm Röper ist da an zweiter Stelle genannt und noch ein weiterer, Johann, an 23. Stelle. Diese Gebiete gehörten ursprünglich den Dänen. Die brauchten aber Geld und so haben sie die Insel an die Hamburger verkauft. Die persönlichen Besitzverhältnisse wurden dadurch ja nicht eingeschränkt, es war nach wie vor Othmarscher Weidefläche.

Die Flurkarte Othmarschens von 1791 mit der Elbinsel Krenzweide, Röper als Landeigner genannt unter Nr. 2 und 23

 

Diese Weiden auf Waltershof hat meine Großmutter 1923 an die Stadt Hamburg verkauft. So lange haben die Othmarscher dort Wiesen gehabt, Tiere dorthin gebracht und Heu gemacht. Mein Vater wusste noch, dass sie in seiner Jugend einmal Jungvieh mit dem Prahm [kleine Fähre] vom Hohlweg aus rübergefahren haben, und am nächsten Tag war eine Stärke [Jungkuh] wieder zu Hause. Die stand plötzlich vor der Tür, sie hatte wohl Heimweh gekriegt. Sie muss durch die Elbe zurück geschwommen sein. Und unten am [Övelgönner] Hohlweg musste in der Heuernte immer ein Othmarscher Bauer ein Gespann Pferde stationieren, damit sie mit vier Pferden und der Heulast den Berg hochkamen. Es freut mich, dass der Hohlweg immer noch da ist. 

Mühlhans: Der Hof soll ja seit 1736 im Besitz der Familie Röper gewesen sein. Das alte Haus vor dem Brand war möglicherweise ein bisschen kürzer. Als wir die Glaswand in der Deele gebaut und dort gebuddelt haben, um das Fundament zu machen, kam ein Fohlenskelett zum Vorschein. Deshalb habe ich gedacht, aus heidnischen Gründen wurde es ursprünglich dort eingegraben, und habe daraus geschlossen, dass das Haus ein Gefach kürzer gewesen ist.

Röper: Die Röpers haben seit 1660 Kirchengeld gezahlt, mindestens seit dieser Zeit waren sie in Othmarschen ansässig. Der Hof wurde durch Einheirat zum genannten Zeitpunkt erworben.

Skizze für den geplanten, aber nicht ausgeführten Bunker

 

Zum Thema „Skelette“ kann ich etwas beitragen. Wir haben im Jahre 1939 zwischen dem Silo und der damaligen Wagenremise einen Erdbunker mit Eichenspaltpfählen gebaut. Mein Vater kannte das noch aus dem 1. Weltkrieg, denn er lag vor Verdun und wusste, wie man solche Bunker baut. Er wusste aber auch, dass das eigentlich eine Mausefalle ist, wie auch der Keller unter dem reetgedeckten Haus. Dann kam die Idee auf, man könnte mit Beton noch viel widerstandfähiger bauen. Ein Architekt machte ihm eine Skizze, denn in Friedenszeiten würde man den Bunker auch gut als Milchkeller benutzen können, zum Kühlen. So fingen unsere Leute, die damals so genannten Fremdarbeiter – das waren Polen, Russen und Franzosen – im Januar/Februar ´45 an, eine große Baugrube auszuheben, denn sie hatten im Winter nicht viel Anderes zu tun. Die Baugrube muss direkt hinter der Hecke der heutigen Restaurantterrasse gewesen sein. Als dann das Bauen losgehen sollte, gab es keinen Zement und kein Eisen mehr. Da sagte Vater, es war ja gegen Kriegsende: „Jetzt kommen die Engländer mit ihren Tieffliegern und denken, hier ist eine Stellung gebaut, denn sie sehen ja die Erdbewegungen. Also müssen wir alles wieder zuschütten, sonst schmeißen sie uns hier Bomben rein.“ Und in dem Moment kriegten wir im Schweinebestand Rotlauf. Heute eigentlich eine harmlose Geschichte, später habe ich die Schweine immer alleine geimpft, aber zum Ende des Krieges gab es kein Serum mehr. So blieben uns drei große Schlachtschweine tot und die Entsorgung über die Tierkörperverwertung lief auch nicht mehr. Also wohin damit? Unten in die Baugrube rein. Wie das Fohlen, so ungefähr. Ein paar Schaufeln Sand drauf und dann war Feierabend. Doch am nächsten Morgen sind die Schweine wieder ausgegraben und sechs Schinken weg. Mein Vater guckt Henry an, den Polen. Den hatten wir seit 1939, mit 17 Jahren kam der. Später hat er deutsche Jäger in Masuren betreut und hat uns immer Grüße ausrichten lassen, er hat also Karriere gemacht. Er hatte wohl eine kaufmännische Ader, jedenfalls hat er die Schinken an das Russenlager in der Sternwollspinnerei verkauft, gegenüber von der Adolf Jäger Kampfbahn. Dort war damals ein Lebensmitteldepot von der Wehrmacht, es wurde Schnaps dort aufbewahrt. Das war verheerend, denn die Russen kriegten nach Kriegsende den ganzen Schnaps, das war nicht so schön. Aber in dem Lager haben die Russen furchtbar gehungert und so hat Henry ihnen die Schinken hingebracht und die haben ihm was weiß ich dafür gegeben.

 Hof und Hofleben vor 1898, rechts ein separates Stallgebäude

 

Und es gibt noch eine weitere Geschichte zum Thema „Skelette“. Am 2. Mai ´45 kapitulierte Hamburg und es gab kaum noch Viehfutter. Unsere Remonten, die ein-, zwei- oder dreijährigen Pferde, liefen auf der Weide am Osterkamp, das ist die Koppel, wo bis vor kurzem das Schwesternwohnheim am Altonaer Krankenhaus stand. Diese Koppel hatten wir gepachtet von dem Bauern Schmidt. Also, man kommt vom Hundertsten ins Tausendste... Karl Kaufmann war der Gauleiter von Hamburg und der hatte sich ganz zeitig mit den Engländern ins Vernehmen gesetzt und gesagt, wir machen hier aber keinen Krieg mehr. Dann ist Himmler dahinter gekommen und ist von Berlin nach Hamburg geeilt und hat gesagt: „Du Aas wirst jetzt aufgehängt.“ Dazu kam es aber nicht. Deshalb mussten im März ´45 die Gespanne und die Kriegsgefangenen und „Fremdarbeiter“ Panzergräben ausheben und Sperren und all so was bauen. Auch auf der Weide am Osterkamp wurden mit der Feldbahn Trümmer angefahren, die Kanonen mussten ja richtig stehen. Dann wurden dort zwei Batterien Flugabwehrkanonen 8/8 aufgefahren, das war das rasanteste Geschütz, das wir hatten, die wumsten 5-6 Kilometer hoch. Und zwischen diesen Stellungen liefen unsere Pferde und fraßen das Gras, das dazwischen wuchs. Und nun, am 2. Mai, verließen ja die Truppen Hamburg kampflos bei Nacht und ließen alles stehen. Die Kanonen, die Munition, die Autos, Handgranaten, Gasmasken, alles blieb stehen. Ich glaube, nur ihre Karabiner nahmen sie mit. Und sie ließen natürlich alle Pforten und Hecks [Umzäunungen] auf. Die Pferde dort sagten sich, hier haben wir ja alles abgefressen, aber in den Villengärten gibt es wunderbares Gras. So liefen dann fünf Pferde zur Villa Niels, die steht da glaube ich noch, so eine kleine weiße Villa auf der Ecke, neben dem früheren Schwesternwohnheim. Und da fanden unsere Pferde dann den [giftigen] Taxus, den Lebensbaum. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Die „Gute Stube“ um 1920                                                              Das Flett um 1920

Da war die Not groß, was sollten wir denn nun machen? Wir haben also unseren Tierarzt angerufen – das ist auch so eine Geschichte. Das war der Präsident vom ADAC Hamburg, ein Dr. Thun in Blankenese, der fuhr den ganzen Krieg über einen Bentley. Der kam mit Weste und schwarzem Anzug an und wenn er etwas untersuchen sollte, dann wurde auf das Tier ein weißes Handtuch gelegt und wir durften das Jackett halten. Als er dann kam, sagte er, „Ich habe ja nun auch nichts, aber geben Sie den Pferden Haferschleim, so viel wie möglich.“ Aber es gab doch nichts, es war ja alles knapp. Aber meine Mutter, die war außerordentlich geschäftstüchtig, sie ging zu dem Bauern Ellerbrock am Bahrenfelder Teich. Der hatte nämlich sowohl eine Schrotmühle als auch eine Haferquetsche, die waren zwar beide plombiert – ein gewundener Draht ging durch eine Bleiplombe, die dann normalerweise mit einer Plombierzange zugedrückt wurde. Ellerbrocks hatten aber beizeiten aufgepasst und gesehen, dass die Drähte nur lose drinsteckten, so konnte man sie bei Bedarf einfach rausziehen, konnte die Maschinen nachts betreiben – man durfte sich natürlich nicht erwischen lassen – und dann wieder reindrehen. Mit ganz viel Überredung haben wir also 75 Pfund gequetschten Hafer bekommen. Damit haben wir zwei Pferde gerettet, drei verendeten. Wohin nun mit ihnen? Die Verwertung funktionierte ja nicht, also haben wir sie in einen Bombentrichter geschleift, wo jetzt die neue Hirtenwegschule drauf gebaut ist. Die Koppel dort gehörte uns ja auch. Und so findet man jede Menge Gerippe in der Gegend. Die Geschichte mit dem Pferdefohlen vorm Deelentor kannte ich nicht, aber wenn man eines Tages mal Ausgrabungen macht, wird man sagen, die waren aber sehr abergläubisch, als sie die Schule gebaut haben. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Röperhof mit der Wasserpumpe am hauseigenen Brunnen, um 1900   

Das „Tantenhaus“, Architekt Erich Elingius, erbaut 1930

 

Interessante Baugeschichte

Wenn wir früher im Stall und auf dem Dachboden arbeiteten, zeigte mein Vater mir Bearbeitungsmerkmale an den Balken. Er war der Meinung, dass das Holz eine Vornutzung im Schiffsbau gehabt hätte. Das würde auch den sehr schnellen Wiederaufbau des Hauses nach dem Brand erklären können.

Mühlhans: Es ist spannend, wie man am Röperhof Bau- und Kulturgeschichte ablesen und erkennen kann, was die Entwicklung baupolizeilicher Auflagen für das Haus bedeutet hat. Immer wieder interessant finde ich die Geschichte mit dem Kuhgeruch, der durch den Qualm des offenen Feuers im Flett aus den Wohnräumen ferngehalten wurde. Erst als es die Auflage gab, einen Kamin mit Esse und später einen Herd mit Schornstein zu bauen, weil es zu viele Brände gegeben hatte, hielt man es vor Stallgeruch in den Wohnräumen nicht mehr aus. [Siehe gesonderter Artikel zum Fachhallenhaus, S. 37]. 

Röper: Ich kann auch noch eine segensreiche Geschichte vom Kuhgeruch erzählen. Ich bin ja 1949 in die landwirtschaftliche Lehre gekommen, nach Barskamp bei Bleckede in der Lüneburger Heide. Was mich sehr prägte, war der sandige „Kartoffelboden“ dort. Und wegen der Kartoffel zog es mich auch auf den leichten Boden hier in Schleswig Holstein. Die Leute mussten ja Kartoffeln haben, damit sie satt wurden. Man ahnte ja nicht, dass das Wirtschaftswunder kommen würde und kein Aas hinterher mehr Kartoffeln essen wollte. Also, ich kam zu Bauer Heinrich B. und meine Lehrlingsstube, die ich mit drei anderen Lehrlingen teilte, war in diesem niedersächsischen Bauernhaus direkt neben den Kühen. In einem Holzverschlag standen Wehrmachtsspinde und darauf hatten wir unsere Koffer gelagert. Meine Mutter war so besorgt, denn ich war ja der Älteste, dass ich da auf der Heide total verkommen und verhungern werde. Und so kaufte sie mir – ich weiß gar nicht, wie sie das gemacht hat, es war ja ´49, gleich nach der Währungsreform – einen ganz großen Vorrat an Zigarillos. „Onkel Tom" hießen die, etwas größer als Zigaretten. Und sparsam wie ich war, musste ich ja mit meinen Zigarillos haushalten. Ich verdiente nur 30 Mark im Monat bar, als ich anfing, und der Bauer hatte gesagt: „Hans, wenn du dich bewährst, dann kriegst du 40 Mark im Monat.“ Aber offenbar habe ich mich nicht bewährt, ich bin bei 30 Mark geblieben. Also habe ich mir gesagt, schön, jede Woche drei, dann reiche ich übers ganze Jahr damit. Und dann kam der bewusste Kuhgeruch, denn nun fingen diese Zigarillos an zu schimmeln. Aber ich dachte, nein, die haben ja Geld gekostet, die müssen aufgeraucht werden. Doch als ich dann sechs Wochen diese Schimmeldinger geraucht hatte, wurde mir so schlecht, da habe ich sie weggeschmissen und seither nie wieder geraucht.   

Die Holzscheune am Teich, die Scheune brannte 1908 ab und der Teich wurde mit Brauereiabfällen zugeschüttet

 

Der Röperhof und seine Nachbarschaft

1850 baute man die Pferdebahn von Altona nach Blankenese, den Othmarscher Kirchenweg hinunter. Eine Pferdebahn, das ist ein straßenbahnähnliches Fahrzeug das in Straßenbahnschienen läuft und von einem oder zwei Pferden gezogen wird. 1911 wurde sie dann elektrifiziert. Neben der Gartenpforte des Röperhofs steht noch ein Betonfundament. Bis 1926 ist die Elektrische da lang gefahren, ab dann fuhr sie durch die Margarethenstraße, heute Emkendorfstraße. Wo heute das Tantenhaus steht – das Wohnhaus neben dem Röperhof für unsere Großmutter und drei unverheiratete Tanten – stand eine Scheune, die 1908 abgebrannt ist. Dem Röperhof gegenüber stand der Backofen, da wo jetzt die Kehre ist. Davon gibt es ein Gemälde. Und hinter dem Backhaus war der Obstgarten, da kamen die Pferde rein, wenn die schnell mal was fressen sollten. Und hier, wo heute die Pforte ist vom Tantenhaus, da war der Teich. Um diese Pforte herum ist 1943 eine Bombe eingeschlagen und da schossen lauter Bierflaschen-Verschlüsse aus der Erde, weil der Teich vor dem Krieg mit Abfällen der umliegenden Brauereien zugeschüttet worden war. Die ganze Umgebung war mit Bierverschlüssen und Flaschenresten übersät.

Rechts: der Schmidtsche Hof, von Osten gesehen. Im Vordergrund die zum Hof gehörende Kate

 

Mühlhans: Diese Zeichnung muss ja zwischen 1900 und 1930 entstanden sein, weil der Anbau schon da ist, das Tantenhaus aber fehlt, das 1930 gebaut wurde. Aber man sieht schön das Altenteil und den Schmidtschen Hof und den Hof von Cords.

Röper: Bei Cords war meine Großmutter aus Kellinghusen um 1885 in Stellung. Hinter unserem Hof vorbei, quer über die Röpers Weide, ging ein Richtweg zum Othmarscher Bahnhof. Da hat der junge Bauer Röper gedacht, das ist ja ein schmuckes Mädchen, die frag ich mal und so hat er mit ihr bei Cords angebandelt. Der Cords‘sche Hof stand dort, wo heute die Internationale Schule gebaut ist. Zu meiner Zeit wurde er in Othmarschen „Klein-Asien“ genannt, heute würde man so etwas als Schlichtwohnungen bezeichnen. Das Reetdach war durch ein Blechdach ersetzt worden und der Innenraum wurde für mehrere einfache Wohnungen genutzt. Diese waren an sozial schwache Familien vermietet. Ich mein, es war in städtischem Besitz.

Der Schmidtsche Hof steht heute noch gut erhalten da. In meiner Jugendzeit lebte darin die Mutter Dora Groth mit ihrer unverheirateten Tochter Anna. Die jüngere Tochter Bertha war mit dem Gastwirt Diederich Groth vom Ausflugslokal „Groths Gesellschaftshaus“ an der Elbchaussee (heute Ecke Liebermannstraße) verheiratet. Dort endete zu meiner Zeit auch der „Kindergrün“-Umzug mit Imbiss und Kinderspielen. Und hinter Klein-Asien wohnte später der Barbier Rickert, der außer Haare schneiden und Rasieren auch Fußnägel beschnitten und Uhren aufgezogen hat. 

Unser Rektor H. von der Hirtenschule trug eine Perücke, mit angeklebten roten Haaren. Und alle 14 Tage sagte er zu mir: „Hans, du gehst ja bei dem Rickert vorbei, sag ihm, ich komme nachher zum Haare schneiden.“ Und dann dachte ich immer, der hat doch gar keine Haare, was will der denn. Aber er meinte die grauen Haare um die Ohren, die wurden ihm abrasiert.

Mühlhans: War das der Friseur, der später, als die drei Röhren für den Elbtunnel gebaut wurden, mit Polizeigewalt aus dem Haus gezerrt wurde, weil er nicht gehen wollte?

Liederzettel für den Erntedankgottesdienst im Röperhof


Röper:
Das kann sein, das passt zu ihm. Und hinter dem Schmidtschen Hof war der Fuhrunternehmer Karl Larsen, mit acht kräftigen belgischen Pferden. Er fuhr alles, was Schwerlastverkehr war, Kies, Kalk und Sand und auch Abfälle vom “Buttermoor“ – damals eine Margarinefabrik, etwa wo heute der Gewerbepark Othmarschen ist. Wenn die dort Margarine machten, gab es so eine Art Klärschlamm, Kalkerde vom Raffinieren. Und als wir ´43 die Bombentrichter vor dem Haus hatten, wurden diese mit „bayrischer Erde“ aufgefüllt, so hieß das, es stank wie die Pest. Das haben aber die Tunnelbauer beim ersten Tunnelbau wieder mit weggeschafft. 

Karl Larsen, der hatte dasselbe Problem wie wir, die Pferde hatten auch kein Kraftfutter und so wurden sie abends auf die Weide unten in der heutigen Reventlowstraße gebracht, neben den Grünanlagen. Die Weiden sind jetzt bebaut. Dr. Linzer hieß mein Deutschlehrer im Christianeum, der besaß das Haus daneben. Wenn morgens die Pferde von der Weide zur Arbeit geholt wurden, ließ man das Tor auf. Abends machte dann Karl Larsen die Pferde auf dem Hof los, Geschirr und Zaumzeug ab, und die acht Pferde im Galopp die Margarethenstraße [heute Emkendorfstraße] runter auf die Weide und er fuhr auf dem Fahrrad hinterher und schloss das Heck.

Wenn wir jetzt die Emkendorfstraße entlangfahren, denke ich immer daran, dass hier auf der Röpers Weide ein Weißdornknick ist, den haben die französischen Kriegsgefangenen im Winter ´40/41 gepflanzt. Vater kriegte irgendwoher kleine Setzlinge, die haben die dann eingepflanzt. 

Zur Christuskirche hatten wir immer einen guten Kontakt. 1935 hat der Erntedankgottesdienst auf dem Röperhof stattgefunden, weil die Christuskirche von Prof. Schäfer neu ausgemalt wurde  (er malte sogar den Herrgott persönlich als alten Mann hinein). Die Predigt hielt Propst Schütt, der kam immer mit einem Gehrock und einem steifen Hut, so einem Eierkoker. Der kaufte sich im Krieg Milchschafe, weil die Lebensmittel so knapp waren. Die liefen bei uns und meine Schwester sollte seinen Söhnen beibringen, wie man melkt. Das hat aber nie geklappt. Und jetzt, wo die Vergangenheit aufgearbeitet wird, kommt raus, dass das ein großer Nazi war, ein SS Mann. Und unser Pastor Lensch, ein hoch angesehener Mensch, war in den Alsterdorfer Anstalten, wo er der Euthanasie nicht entgegen getreten ist. Der war auch in der SS, und so ein frommer Mann. Als ich das erst vor ein paar Jahren erfuhr, war ich sehr enttäuscht.

Erntedankgottesdienst der Altar in der Deele

 

Umsiedlungs- und andere Pläne für den Röperhof 

1937 wurde der Röperhof unter Denkmalschutz gestellt. Weil er Hitlers gigantischem Elbquerungsplan im Weg war, sollte er umgesetzt werden und wir sollten anderswo hin. Den ganzen Krieg über bekamen wir von Maklern Angebote von Gütern aus Ostpreußen auf dünnem rosa Durchschlagpapier vom Makler Jürgen Schaar aus Rendsburg. Toll waren die Angebote: Ein paar 100 Hektar Land und fünf bis sechs Wasserklosetts hatten die auf den Gütern. Und wir kleinen Bauern haben voller Staunen diese Angebote studiert. Der Röperhof sollte im Hochrad wieder aufgebaut werden, die Balken waren schon durchnummeriert. Dort sollte so eine Art Molfsee, ein Museumsdorf entstehen. Die Akte, in der Hitler sagt, da schütten wir die Rampen auf, die hat mir ein Mensch aus dem Tiefbauamt überlassen. 

Mühlhans: Fast identisch mit dem Verlauf der jetzigen A 7 hatten die Nazis ja 1937 eine Reichsstraße geplant, die die Elbe nicht unter- sondern mit einer gigantischen Brücke überqueren sollte. Geplant war eine Riesenrampe, über 80 m hoch, und die Pylonen 160 oder 200 m hoch. Der Fernsehturm ist im Vergleich auch nur 280 m hoch.

Röper: Das war so ein bisschen von der Golden Gate Brücke kopiert.

Mühlhans: Angeblich wurden schon Probefundamente gemacht, direkt unten am Strand.

Röper: Riesen-Sandsteinquader müssen das gewesen sein, ca. 4x4 m und 1,5 m hoch. Da waren fünf oder sechs aufeinander getürmt, die sollten die Untergrundfestigkeit prüfen. Sie standen in Övelgönne, sind aber jetzt nicht mehr da.

Mühlhans: Alles sollte abgerissen werden, bis hin zur Elbchaussee. In Övelgönne hatten sie ja auch schon alles aufgekauft. Da waren nur noch ein oder zwei Häuser in Privatbesitz, und das konnte man später erkennen. Die waren gut, super saniert, aber den anderen ging es nicht so gut, die wurden dann zumeist von der Saga verwaltet.

Röper: Dafür war der Krieg wieder gut, denn sonst wäre Hitler mit diesen Wahnsinnsplänen nicht zu stoppen gewesen.

Viel später, bevor Sie Anfang der achtziger Jahre auftauchten, standen wir in Kontakt mit einem Architekten, Peter Wiech, der wollte den Röperhof für drei Arztwohnungen komplett umbauen. Aus seinen Plänen ergab sich, dass wir 2,5 Millionen DM aufnehmen sollten und da sagte ich: „Dagegen kann ich mit meinen Schweinen ja gar nicht anarbeiten, wenn mal eine Wohnung leer steht.“ Und so wurde daraus nichts.

Mühlhans: Mitte der achtziger Jahre gab es noch einmal Pläne, den Röperhof zu versetzen. Eines Tages klingelte zu früher Stunde das Telefon bei mir und ein Herr Gebhard aus dem Amt für Fernbahn- und Tunnelbau war dran. Er wolle mich „unter vier Augen“ sprechen, es ginge um die Zukunft des Röperhofs. Dann standen sie aber eine Stunde später zu dritt vor der Tür. Sie unterbreiteten mir ihre Idee, die sie ganz toll fanden: „Wir verschieben Ihren Hof um 20 Meter nach Westen, dabei bekommt das Haus ein neues Reetdach und wir bauen Ihnen alles wieder so schön auf, wie es vorher war.“ Natürlich kann man so ein altes Haus niemals in der alten Qualität wieder aufbauen! 

Ansicht Wirtschaftsgiebel Teil der Aufmaßpläne zum Umsetzen des Röperhofs nach 1937

 

Kriegs- und Nachkriegsgeschichten

(Herr Röper berichtet von einer Schmalfilmkamera, die sich sein Vater 1939 kaufte. Es gibt für jedes Jahr bis 1945 einen kleinen, einfachen 8 mm-Film. Der polnische „Fremdarbeiter“ und die französischen Kriegsgefangenen werden gezeigt, wie sie Gras und Getreide mähen, dann gibt es Familienszenen, wie die Kinder beim Schlittschuhlaufen). 

Röper: Auf Röpers Weide gab es einen Teich, darauf sind die Kinder Schlittschuh gelaufen. Ich konnte ja nie richtig laufen. Wir hatten diese Dinger, die mit einem Schlüssel an die Hacken gedreht wurden, und wenn man zu doll drehte, dann war die Hacke ab. Meine Schwestern waren ja schon ein bisschen weiter und vielleicht auch sportlich begabter, die konnten das. Aber wenn ich da so rumstocherte und auf die Schnauze fiel, das war trostlos. Die Kriegswinter waren ja so voll Schnee und Kälte, man sieht, wie wir da mit dem Schlitten den Othmarscher Kirchenweg runterfahren, mit zwei Pferden davor.

Im Krieg haben wir im [Övelgönner] Hohlweg gerodelt, das ging wunderbar. Aber man musste rechtzeitig die Kurve kriegen, denn da unten lagen meterhohe Eisbarrieren. Die Elbe war ja zugefroren mit meterdicken Eisschollen, von denen sich drei, vier übereinander türmten. Und wer nicht aufpasste, der hat sich fürchterlich die Nase gestoßen. Gegen Kriegsende wurde eine Schute mit Weizen bombardiert, die schlug leck und dann hat der Schiffer sie auf den Strand gezogen. Der ganze Weizen war voller Elbwasser. Wir also mit dem Bollerwagen hin und haben den Weizen geholt, der stank ordentlich, war ja auch alles ölig, und haben ihn auf dem Hof ausgebreitet. Einen Teil haben die Hühner gleich aufgefressen, das andere wurde getrocknet. Das war ausgekeimt, aber als Viehfutter hat es noch lange gehalten. 

Vater Johann Röper mit dem Paradedegen

 

Mein Vater wäre ja noch wehrpflichtig gewesen im Krieg, deshalb musste er sich alle halbe Jahr zur Musterung stellen. Dann hat die Kreisbauernschaft Einspruch erhoben und gesagt, nein, den brauchen wir für die Landwirtschaft und für den Luftschutz und so wurde er alle halbe Jahre freigestellt, aber das war immer eine Angstpartie. 

Meine Lehrerin in der Volksschule am Hirtenweg war Harriet G., sie wohnte Ecke Parkstr. / Klein Flottbeker Weg, auf der rechten Seite, ganz oben in der Eckwohnung. Sie war entsetzt vom lockeren Lebenswandel ihres Vaters, der Pastor war, und fand in der NS-Partei ihr Idol. Wir Kinder – mich hat sie heiß geliebt, ich war ja Erbe eines Erbbauernhofs – mussten von der 1. Klasse an drei Karten im Jahr schreiben, zum Geburtstag von Hitler, Göring und Goebbels. Und wir kriegten dann sogar Antworten zurück. 1935 bin ich mit vier Jahren in die Schule gekommen und ´39 ging das dann los mit dem Krieg. Da begann auch die Kinderlandverschickung und Harriet G. fuhr mit den Kindern nach Österreich oder Ungarn. Wir blieben in Othmarschen, unsere Mutter sagte immer: „Nein, meine Kinder, die bleiben hier in der Familie. Wenn einer stirbt, dann sterben wir alle gemeinsam, da soll keiner alleine übrig bleiben.“ Das war für mich eine Katastrophe, mein Schutzengel war weg und ich fiel diesem Rektor H., dem mit der roten Perücke, in die Hände. Wenn man im Diktat vier und schlechter geschrieben hatte, bekam man etwas mit dem Stock. Mein Gott, was habe ich mit dem Stock gekriegt! 

Nach dem Krieg wurde Harriet G. entnazifiziert, sie war ja ein schwerer Täter, sie wurde aus dem Schuldienst entlassen und hat dann Nachhilfeunterricht gegeben. Sie hat das kleine Latinum nachgemacht und ich konnte bei ihr auch Latein lernen, womit ich überhaupt nicht klarkam. Heute habe ich mir ja so ein paar lateinische Sprichworte gemerkt und dann trage ich die vor und alle staunen. Aber ich habe in meinen ganzen sechs Jahren, die ich Latein gelernt habe, nicht einmal einen eigenen Cäsar gehabt. Freitags hatte ich den gemeinsamen Cäsar zum Übersetzen, der ging in der Klasse rum, aber so konnte ja auch nichts draus werden. Aber G., die hatte das kleine Latinum gemacht und versuchte, mir Latein beizubringen. Nach dem Krieg gab es ja keine NSDAP mehr. Erstmal wurde sie dann katholisch und landete schließlich in der SPD, eine dolle Karriere. Eine Schwester meiner Mutter war auch so ein großer Nazi und als mein Bruder Johann getauft wurde, 1939 muss das gewesen sein, machten sich die Onkels einen Spaß, sie mit ihrem Nazitum aufzuziehen. Da sagte sie: „Lieber mit Rosenberg in die Hölle als mit dem Papst in den Himmel.“ Sie wohnte in Ostberlin und als 1957 eine Nichte von ihr in Zehlendorf konfirmiert wurde, kam sie rüber. Das ging ja damals noch. Dann kam von ihr der zweite tolle Ausspruch – sie hatte sich über die Jugendlichen in Westberlin geärgert, die sich unflätig benahmen – „Ihr habt hier Halbstarke, aber wir, wir haben Sputnik“. So war sie also auch konvertiert. 

Grundrissplan für 3 geplante Arztwohnungen, 1981

 

Wo jetzt DESY ist, war früher ein Flugplatz, ein Segelflugplatz. Anfang des Krieges gab es in den ganzen Elbvororten Fesselballons, auch auf zwei, drei von unseren Koppeln. Das waren Ballons, etwa 15 m lang und 5 oder 8 m im Durchmesser, die hatten vier aufgeblasene Flügel hinten und hingen an einem Drahtseil, dick wie ein Finger. Sie konnten, mit Stadtgas gefüllt,  350 m hochsteigen. Wenn die Flieger kommen, so dachte man damals, dann schneiden sie sich die Flügel ab und fallen runter, dann tun sie einem nichts mehr. Oder, wenn sie klug sind, fliegen sie erst gar nicht so tief. Später kam es dann ja so, dass die Flugzeuge 5 km und höher flogen, aber am Anfang des Krieges gab es die noch nicht. Na, und diese Ballons, die waren da fast bis Kriegsende stationiert. Es gab ein paar uralte Soldaten, die an der Front nicht mehr gebraucht werden konnten, die mussten die morgens runterholen und abends wieder steigen lassen. Nach Kriegsende hatte man nun die ganzen eingefalteten Ballons in die Flugzeughallen gepackt. Ich weiß nicht, ob es 1945 oder ´46 war, da haben die Engländer sich einen Spaß gemacht und sind an bestimmten Tagen mit kleinen Lastwagen, so 2,5 Tonnern herumgefahren, auf die sie fünf solcher Ballonhüllen gelegt hatten. Die Deutschen standen auf dem ganzen Platz rundherum und wenn die Engländer am weitesten von den Leuten weg waren, schmissen sie die Dinger runter.  Die ganze Bevölkerung, mit Messern und Scheren bewaffnet, stürzte dahin, hat erstmal die Stricke durchtrennt und sich dann wahllos Stücke von dem Silberstoff abgeschnitten, mit dem man gar nichts anfangen konnte. Bis dann eine Verwandte von uns, ich glaube sie war Schneiderin, auf eine Idee kam. Sie sagte, mein Neffe hat ein Motorrad, wir schmeißen uns so einen Ballon auf das Motorrad und fahren hin, wo niemand anders ist. Dort wurde das richtig schön in große Stücke zerlegt und jeder kriegte 10 qm. Ich bekam einen Regenmantel aus diesem Silberstoff genäht, den habe ich in Nienjahn noch bis in die sechziger Jahre gehabt. Und die Engländer haben sich amüsiert, wenn die Deutschen sich die Hacken abgelaufen haben. 

Karte mit Angaben der Flugminuten von Bombergeschwadern

Ich bin ja 1949 von Othmarschen weggegangen, aber die Kriegszeit habe ich natürlich besonders intensiv erlebt und darüber könnte ich ganze Stories erzählen. Bei dem Bombenangriff am 13. Dezember 1943 gegen 11 Uhr fielen acht Bomben unmittelbar rund ums Haus, insgesamt waren es 18. Eine bei der Linde und eine wo nachher der Bunkerbau war. Vier gekoppelte waren dort eingeschlagen, wo jetzt vor der großen Deelentür der Fußgängerweg zum Tunneleingang ist; eine bei den Tanten in die Pforte und eine in die östliche Giebelwand der alten Kate, die schräg gegenüber stand und in der das Milchgeschäft Arpe war. 1942 waren bei den Tanten schon zwei Brandbomben durchs Dach ins Bett  gefallen, glücklicherweise tagsüber. Gegenüber vom Bad im 1. Stock schliefen Großmutter und Tante Elisabeth, die Älteste. Und in das Bett von Tante Elisabeth fiel die Bombe, es stand unter der Schräge, und blieb drin stecken. Dann kam der Sicherheits- und Hilfsdienst, alles alte Männer, die nicht mehr zur Wehrmacht konnten. Die haben die Badewanne im ersten Stock voll Wasser laufen lassen und die Matratze drin untergedückert. Wenn die unter Wasser war, gab´s Ruhe, aber sobald sie wieder rauskam, fing sie an weiter zu brennen, vom Phosphor. Da haben sie sie aus dem Fenster geschmissen und auf die Weide gezogen, wo sie dann ausgekokelt ist. 

Von Lucie Röper vermerkte Bombenalarme, hier mit dem Angriff vom 13. Dezember 1943

 

Eine Bombe im Dach wäre bei uns am Röperhof ja eine Katastrophe gewesen, obwohl wir gut dressiert waren. Man konnte diese Stab-Brandbomben angeblich anfassen, es gab ein Stahlstück, damit sie senkrecht runterkamen, und am Ende war dann der ganze Feuerwerks-Mechanismus. An diesem Stahlstück sollte man sie greifen können, und oben auf dem Boden im Röperhof hatten wir ein großes Wasserfass mit 200 Litern stehen, da hätten wir sie reinstecken sollen. Das war natürlich sehr theoretisch gedacht. Außerdem waren wir mit Patschen ausgerüstet, das waren Holzstiele mit Säcken dran, und einem Ledereimer, in dem musste immer Wasser sein. Der war früher, wenn man mit den Pferden unterwegs war, der Tränkeimer für die Pferde. 

Mühlhans: In der Räucherkammer haben wir noch einen alten Paradedegen gefunden.

Röper: Den mit den Löwenköpfen mit den roten Augen auf dem Knauf? Mein Vater diente ja im 3. Brandenburgischen Artillerieregiment. Da war er ein so genannter Einjähriger, das waren diejenigen, die kein Abitur machten, sondern mit dem Einjährigen abgingen. 1911 hat er sich freiwillig gemeldet. Wenn man ein bisschen Geld hatte, musste man nicht Wehrpflicht leisten, das waren ja drei Jahre, sondern man meldete sich freiwillig einjährig und ging als Unteroffizier ab. Und wenn man drei Jahre hintereinander die Manöver besucht hatte, dann war man Leutnant. Vater ging also dahin, er war ja der Älteste, die anderen Brüder konnten das nicht mehr. Davon habe ich jede Menge Bilder, es war ja wie eine Studentenzeit. Na, und als Leutnant kriegte er dann diesen Degen.

Gartenseite: der Kuhstall ist bereits errichtet, doch der Ausbau der Küche noch nicht erfolgt

 

Ich weiß, wir hatten zwei Degen. Im Februar 1945 kam das Volksopfer. Damals waren die Fronten ja schon zusammengebrochen und es fehlte zum Beispiel an Verbandszeug, da haben sie Bettwäsche für Verbandszeug gesammelt und Handschuhe, Pelzstiefel und Pelzmützen von den Damen. Wir hatten ja den Polen Henry und der fuhr mit unserem Pferdegespann zur Elbchaussee in Othmarschen, wo sie das Volksopfer eingesammelt haben, daher weiß ich das noch ganz gut. Der Winter war kalt, es waren 15° minus. Na, die Polen hatten ja auch keine Handschuhe, wie wir, und dann kamen ein paar wunderbare Fellfäustlinge in die Spende. Und was macht mein Henry? Der zieht sie natürlich an. Ich sag: „Aber Henry, wenn die dich kriegen, die hängen dich auf.“ Die ganzen Spenden wurden ins Christianeum gebracht und als es dunkel wurde, da sahen wir, unser NSDAP Ortsgruppenvorsitzender K. hatte sich die schönsten Sachen rausgesammelt! Dieser K. wohnte gegenüber von der Hirtenwegschule, wo es noch ein Umspannwerk gab, wir hatten damals in Othmarschen ja noch Gleichstrom. Und was die Degen anbetraf, sagte Vater: „Nein, einen davon will ich behalten.“ Den anderen hat er für das Volksopfer gegeben. Damit konnten die auch nichts mehr anfangen, aber irgendwas musste man ja rausrücken. Und als dann die Engländer kamen, hat der K. sich aufgehängt. Da haben wir alle gesagt: „Prima, dass das Aas sich aufgehängt hat.“ 

175. Jahrestag des Röperhofs am 7. September 1934

 

Der Kampf mit der Stadt Hamburg

Die Stadt Hamburg hat in den letzten 100 Jahren immer Bodenvorratspolitik durch Verkehrsplanung gemacht. Und weil die Röpers außer den Groths die Einzigen waren, die noch landwirtschaftliche Flächen besaßen, waren wir immer die Leidtragenden. Schon vor Hitlers Plänen zur Elbquerung sollte Othmarschen durch Verkehrsplanungen zerstückelt werden. Als Tribut an die wachsende Stadt Altona war bereits 1894 ein Generalstraßenverkehrsplan erlassen worden, der vier große durch Othmarschen führende Ausfallstraßen vorsah. Obwohl dieser Plan 1910 zu den Akten gelegt wurde, gab es immer wieder „fortschrittliche“ Verkehrsplaner, die sich auf ihn beriefen. So wurde 1929 eine Entlastungsstraße am Stiegkamp geplant, wo jetzt die Hirtenwegschule ist. Dafür wollten sie die ganzen Weiden vom Bauern Groth und von uns platt machen. 1929 gab es dann ja die Notstandsgesetze und somit ein Problem: Wenn die Notstandsgesetze aufgehoben würden, hätte die Stadt Altona den Bauern das ordentlich bezahlen müssen. Also sagte die Stadt, das muss jetzt endgültig geregelt werden. Darauf haben wir Bauern uns erfolgreich gewehrt und dann kam ja auch nichts. Genau dasselbe hat die Stadt Hamburg später ja wieder versucht. 1958 – ich saß schon in Nienjahn und brauchte Geld, denn die Landwirtschaft lief auch nicht so, wie sie sollte – hat Vater gesagt: „Ich möchte die Röperweide verkaufen.“ Da sagte die Stadt, das geht leider nicht, die ganze Weide ist für einen großen Kreuzungsbau verplant. Sie haben die ganze Röperweide für 10 Mark Entschädigung pro Quadratmeter gekauft und später wurde sie von der Stadt teuer als Bauland weiterverkauft. Na, und als dann die Tunnelgeschichten losgingen, kam es dazu, dass alle Nachbarn, denen Grundstücke abgenommen wurden, 350 Mark Entschädigung pro Quadratmeter kriegten und wir kriegten nur 65 Mark. Darauf haben wir 15 Jahre lang mit dem Herrn Dr. Sasse gegen die Stadt geklagt, und nach 15 Jahren war er 75 Jahre alt und wir seine einzigen Mandanten. Wir haben dreimal gegen das Urteil geklagt, das hat uns 60 000 Mark gekostet. Zunächst wurde unsere Klage gegen die Enteignung vor dem Landgericht verhandelt, da verloren wir. Da haben wir gesagt, das kann ja wohl nicht angehen und sind vors Oberlandesgericht gezogen. Das OLG hat gesagt, und zwar dreimal: „Das ist nicht in Ordnung, was die da mit euch machen, die haben euch richtig ausgenommen“, und hat das Verfahren ans Landgericht zurückverwiesen. Dann hatten wir genau dieselbe Kammer wieder wie vorher und dreimal hintereinander gab es denselben Zirkus: Am Landgericht verloren, am OLG gewonnen. Das dauerte 15 Jahre. Da sagte unser Dr. Sasse: “Bevor nicht eine der beiden Kammern tödlich verunglückt, kriegen wir kein anderes Urteil.“ Und dann war die Stadt Hamburg so großzügig – und wir waren auch müde, muss ich sagen – uns anzubieten, dass die ganzen aufgelaufenen Zinsen auch als Kaufgeld ausgewiesen werden. Die waren inzwischen so viel wie das Kaufgeld selber, denn damals hatten wir Diskontsätze bis zu 13%. So haben wir wenigstens die Einkommenssteuer auf die Zinsen gespart. 

Straßenplanung Altona Kreuzungsplanung von 1957 für den damaligen Othmarscher Kirchenweg und eine neue Zubringerstraße

 

Verkehrsflächen Bestand: grau, Planung: rot, vorhandene Gebäude: blau

 

Bei diesen Verhandlungen waren wir unter Anderem auch im Altonaer Bezirksamt und sagten, wir würden ihnen das Land ja für den Preis überlassen. Wir möchten es aber gern für die 10 Mark, die wir für Röpers Weide bekommen haben, wieder zurückkaufen, plus der aufgelaufenen Zinsen. Denn inzwischen war es ja umgewidmet worden, war nun im Eigentum der Stadt, inzwischen als Bauland ausgewiesen und sehr viel mehr wert. Da verhöhnten die uns richtig, wir wären ja nur hinter dem Geld her. Selbstverständlich waren wir hinter dem Geld her, aber wir waren ja auch richtig betrogen worden. Natürlich wurde daraus nichts. Den Röperhof selber, den wir ohne Land ja nicht mehr bewirtschaften konnten, wollten wir dem Altonaer Museum schenken, mit der Auflage, dass die Stadt ihn als Denkmal erhält. Da sagte die Stadt Hamburg: „Was sollen wir damit, der Grund und Boden ist ja etwas wert, aber es ist ja völlig entwertet durch diese alte Bruchbude, die da oben drauf steht.“ Und dann wussten wir auch vom Cords‘schen Hof und all den anderen Gebäuden, wenn die Stadt Hamburg sie in Besitz nahm, waren sie nach einem Vierteljahr abgebrannt und dann hatten sie schönes Bauland. Dem Röperhof wollten wir dieses Schicksal natürlich ersparen. Ja, das waren damals so Sachen... 

Aber bei der 4. Röhre, da haben sie uns wirklich gut behandelt. Mit Hilfe von Herrn Hülquist – einem freien Makler, den sie eingeschaltet hatten und der ein wirklich moderater Mensch war – haben wir mit der Bundesstraßenbauverwaltung im September 2000 über diese Fläche verhandelt [es handelt sich um den nördlichen Teil des verbliebenen Röperhof-Grundstücks]. Das war kurz bevor meine Schwester starb. Man hatte uns angeboten, die Entschädigung nur gegen den Eintrag der Grunddienstbarkeit auf die Hand zu bekommen. Ich habe zu Bedenken gegeben, was das steuerlich nach sich ziehen würde. Da haben sie mir ein Gutachten vom Finanzamt Hamburg vorgelegt, es wäre wie ein Verkauf, das sei nicht einkommensteuerschädlich. Darauf sagte ich, wir sind ja in Rendsburg veranlagt, ich muss mich erst bei meinem Finanzamt erkundigen. Über den landwirtschaftlichen Buchführungsverband habe ich dann die Anfrage zur Sachlage gestellt und da hieß es, nein, das ist selbstverständlich einkommensteuer-pflichtig. Also haben wir gesagt, dann verkaufen wir es, mit der Möglichkeit, das Land zurückzukaufen. Es war ja nun kaum noch etwas wert, weil es als Ausgleichsfläche für den Bau der 4. Elbtunnelröhre festgeschrieben war. Und bald darauf haben wir angemeldet, dass wir das Land zügig wieder zurückkaufen möchten. Da haben sie gefragt, was wir denn dafür geben wollten, es war die Rede von 20 000 bis 40 000 Mark, die wir bezahlen sollten. Doch dann starb meine Schwester und ich habe das nicht gleich weiterverfolgt. Jetzt liegt es bei der Liegenschaftsverwaltung in Hamburg und da war dann auch wieder so ein kleiner Beamter, der sagte, die Familie Röper will ja nur die Stadt Hamburg ausnehmen. Den Zahn konnten wir ihm ziehen, denn wir sind ja jetzt eine Stiftung, aber er war unzugänglich und da haben wir gesagt, das lassen wir erstmal. Aber ich fand nun dieses Schreiben, wo man uns sagte, nennen Sie mal einen Preis, dann soll das in einer angemessenen Zeit rückabgewickelt werden. Also, die Stadt Hamburg, die hat uns eigentlich schon über Generationen immer wieder beschissen, auch die Stadt Altona. Das Drama mit dem Altenteil, kennen Sie das?

Das Altenteil mit der Milchwirtschaft von Arpes, im Hintergrund der Röperhof

 

Mühlhans: Es ging um verschwundene Akten, wenn ich mich recht erinnere.

Röper: In den Ostgiebel des Röperschen Altenteils, das zwischen dem Röperhof und der heutigen Internationalen Schule stand, fiel am 13. Dezember 1943 auch eine Bombe, und so ein Fachwerkhaus ist ja ein Wunder an sich. Der ganze Giebel war weg, da war ein großer Bombentrichter, aber der Rest des Hauses blieb stehen. In diesem Teil wohnte eine Arbeiterfamilie von uns und in der Ecke war der Milchladen von Arpes, die Othmarscher Milchwirtschaft, mit einem kleinen Garten.

Mühlhans: Ich dachte immer, am Othmarscher Teich in dem zurückgesetzten Haus war die Milchwirtschaft?

Röper: Ja, am Zietenteich gab es noch eine Milchwirtschaft, Dittmer glaube ich, die gibt es sicher heute auch nicht mehr. Aber Arpes sind nach dem Krieg nicht mehr auf die Beine gekommen. Zu meiner Zeit fuhren sie noch mit einer Milchkarre, mit so einer Art Schottschen Karre mit einem Hund davor und mit Kannen behängt und dann wurde Milch ausgeschenkt.

Arpes haben also 1943 aus den Trümmern eine provisorische Wand eingezogen und blieben da wohnen. Das blieb bis ´49 so. Und als dann die Währungsreform gewesen war, bekam Vater ein Schreiben, in dem stand, das Haus Nr. 189, das Altenteil, sei einsturzgefährdet. Es müsste nach dem Baugesetz eigentlich abgerissen werden. Da aber große Wohnungsnot herrschte, wurde er verpflichtet, den zerstörten Teil wieder aufzubauen. Also hat mein Vater – ich war zu der Zeit in der Lehre in Niedersachsen – den Architekten Mann angeworben. Der baute zwei Komfort-Mietwohnungen aus, wobei er die obere selber bewohnen wollte. Ich weiß das noch genau, denn in der Lehre verdiente ich im Monat 30 Mark. 20 Mark musste ich immer abgeben, weil die Familie in Othmarschen ja kein Geld hatte. Geld war so knapp, das kann man sich gar nicht vorstellen, das musste so zusammengekratzt werden. Und diese Mieten, die regelmäßig flossen, waren für Muttern eine ganz schöne Einnahmequelle. Wir hatten auch eigentlich immer gute Mieter. Der Direktor einer englischen Bank, Mr. Arnie, wohnte im Parterre, ein köstlicher Mensch, der erzählte uns einmal von seiner ersten Gleitsichtbrille, mit seinem englischen Akzent: „Und dann wollte ich mir Essen auf den Teller füllen, und als ich genau hinschaue, habe ich mir alles auf den Schoß gefüllt.“ Dem hingen wir richtig an den Lippen. Eines Tages, so um 1964, kriegte meine Mutter ein empörtes Schreiben von den Mietern, warum sie denn so plötzlich ohne Kündigung ausziehen sollten. Meine Mutter war entsetzt, denn sie wusste davon überhaupt nichts. Da hatte die Stadt Hamburg den Mietern gekündigt, ohne uns zu benachrichtigen! Sie mussten alle ausziehen, weil die Stadt den Grund und Boden für den Bau des Elbtunnels benötigte.  Und von der Entschädigung, die wir für den alten Hausteil bekamen – der ja zweifelsohne nicht gegen Bauordnungen verstieß – mussten wir den Abbruch des neuen Hausteils bezahlen. Und das, obwohl man uns nur 15 Jahre vorher gezwungen hatte, diesen im Krieg zerstörten Teil auszubauen. Da haben sie uns ganz schön malträtiert.

Elbtunnelbau um 1970, das Altenteil links, kurz vor dem Abriss, rechts der Röperhof

 

Mühlhans: Die Stadt hat das doch nur durchgekriegt, weil sie behauptete, dass für eine Sickergrube keine Genehmigung vorhanden war. 

Röper: Der Architekt Mann lebte bei dem ersten Prozess noch und konnte aussagen. Er sagte, es habe eine beschränkte Baugenehmigung gegeben, weil es noch gar keinen Sielanschluss gab und wir stattdessen eine Sickergrube hatten. Wir kriegten die Auflage, die Sickergrube dichtzumachen und das Haus an das Siel anzuschließen, wenn ein Siel gebaut würde, völlig logisch. Das hätten wir ja auch gemacht. Die Stadt behauptete aber, das sei alles ganz anders gewesen. Den ersten Prozess gewannen wir auch. Inzwischen war aber der Architekt Mann gestorben. Da haben sechs Abteilungsleiter vom Bezirksamt Altona gesagt – von der Liegenschaft und Bauverwaltung und so weiter – nein, die beschränkte Baugenehmigung habe sich auf das ganze Gebäude bezogen. Die haben das beeidigt und die Akten waren plötzlich nicht mehr auffindbar. 

Von daher habe ich einen tiefen Gram. Die passende Geschichte dazu hat mir Christian Tilse, erzählt. Mit den Töchtern der Familie Tilse stehen wir noch heute in Kontakt. Sie wohnten an der Elbchaussee, da wo jetzt zwischen Himmelsleiter und Schulberg der Neubaukomplex steht. Ihr Vater Christian hat uns nach dem Krieg noch lange in Nienjahn besucht. Und der hat mir dann die Geschichte vom Seeräuber Störtebeker erzählt. Die Hamburger haben ihm ja den Kopf abgehackt, aber vorher durfte er sich noch etwas wünschen. Und sein Wunsch war, dass alle seine Männer, an denen er ohne Kopf noch vorbeilaufen kann, begnadigt werden sollten. So etwa beim neunten Mann hat ihm dann der Henker ein Bein gestellt, aber das Blut ist noch bis zum letzten Räuber gespritzt, da hat der Senat gesagt, dann lassen wir sie alle laufen. Und wo sind sie geblieben? Sie sind alle in der Hamburger Verwaltung untergekommen und da sitzen sie noch heute. Ich finde, das passt wirklich schön zu meinen Erfahrungen mit der Hamburger Verwaltung. 

Erinnern Sie sich noch an die Verhandlung im Altonaer Rathaus zur 4. Röhre und zur Gestaltung des Einfahrtportals? Ich wurde gefragt: „Herr Röper, haben Sie noch irgendwelche Wünsche“, und da habe ich mich doch hinreißen lassen zu sagen: „Dieser komische Flugplatztower, den Sie da an der Ecke von unserem Gebäude planen, was soll der da.“ Sofort sprang einer hoch und sagte: „Hamburg ist das Tor zur Welt, das soll doch einen Leuchtturm darstellen.“ Da sagte ich: „Dann sägen Sie doch in Schleswig Holstein einen Leuchtturm ab.“ Um mich zu überzeugen, machte man mir doch tatsächlich den Vorschlag, bei entsprechendem Baufortschritt sechs verschiedene Sperrholzmodelle anfertigen zu lassen und sie nacheinander mit einem Baukran aufzustellen, dann würde ich schon sehen, wie imposant das wirkt. Aus diesen Türmen ist ja Gott sei Dank nichts geworden, aber allein von der Idee und den Kosten her war das doch völlig absurd. 

Mühlhans: Glücklicherweise, und das ist vielleicht ein kleiner Trost für Ihre Probleme mit der Stadt, hat der Röperhof vom Bau der 4. Röhre letztendlich profitiert, auch wenn die Bauzeit sehr hart für uns war. Aber die Grünanlage um den Hof herum ist sehr schön geworden und wo früher der Obstgarten war, von dem Sie sprachen, entsteht jetzt eine Streuobstwiese. Die Gartenplaner haben wirklich gute Arbeit geleistet.

Die neue Grünanlage am Röperhof mit der Streuobstwiese (links)

 

Schlusswort

Röper: Wir drei Nienjahner lebten vierzig bis fünfzig Jahre gemeinsam von Ackerbau und Viehzucht in Holstein. 1996 verstarb mein Bruder Johann früh und überraschend.

Ab 1982 haben wir zusammen mit Christoph Mühlhans für den Erhalt des Röperhofs gekämpft, gearbeitet und manches riskiert. Und jetzt war Land in Sicht.

Ohne von der Nähe des Todes zu wissen, wurden wir von der Westbank zu einer Vortragsveranstaltung nach Kiel eingeladen. Eine blutjunge Referentin hielt einen schlüssigen Vortrag über das Vererben und Stiften. Die Dame, Frau Heger, jetzt verheiratete Richter, wurde später meine Beraterin bei der Stiftungsgründung. Auf der Rückfahrt von Kiel besprachen wir das Gehörte und fanden, dass eine Stiftung genau das ist, was der Röperhof braucht.

Nach dem Tode meiner Schwester Johanna im Jahre 2000 war es daher für mich selbstverständlich, dass nun eine Stiftung aus dem Röperhof-Areal gemacht wird. Und so ist es jetzt.

Das Ziel der Röperhof Stiftung ist es, die Erhaltung und Pflege des 250 Jahre alten denkmalgeschützten Gebäudes über möglichst lange Zeitläufe zu sichern. Durch die Einbindung von stets drei Röperschen Namensträgern in den Stiftungsvorstand soll die Bindung an die Familie Röper gewährleistet sein.

 

Allen, die sich am, im und um den Röperhof mühen und sorgen, aber auch allen, die ein paar schöne Stunden dort verleben wollen, wünsche ich allzeit viel Glück und Gottes Segen.

 

Hohenwestedt, im Juli 2009

Hans Röper

(Der Text ist der Festschrift "250 Jahre Röperhof" entnommen und wurde gekürzt)

Neuer „Verkehrsknotenpunkt“ für Fußgänger und Radfahrer